IVM Performance Juni 2026

Skandal! Nichts bringt medial mehr Aufmerksamkeit

IVM-Hauptgeschäftsführer Uwe Seitz kommentiert die Berichterstattung in Print und Fernsehen zu illegal genutzten Hard-Enduros, das Bild, das die Öffentlichkeit von Motorradfahrenden hat und die gesellschaftliche Relevanz dieses Teils der Gesellschaft, der eine ganz andere Beachtung verdient.

Uwe Seitz IVM Hauptgeschaeftsfuehrer

Dass uns medial gerade zu Beginn und während der Saison der Wind hart ins Gesicht weht, sind wir Motorradfahrerinnen und -fahrer, sowie alle, die wir in dieser Branche tätig sind, längst gewöhnt. So sicher wie das Amen in der Kirche machen ab dem Frühjahr diverse Medienkanäle gegen das motorisierte Zweirad Stimmung. Mal wegen Raserei, mal wegen Lärm oder am besten gleich wegen beidem – technisch zu früher erheblich verbesserte Fahrzeuge mit entsprechend strikten Zulassungsbedingungen und stetig sinkende Zahlen bei Schwerverletzten und Getöteten außer Acht lassend, sind und bleiben Motorradfahrende in den Augen vieler mit einem Negativ-Image behaftete Außenseiter. Da, so das Kalkül, kann man sich mit entsprechenden Berichten der Zustimmung einer breiten Bevölkerungsschicht sicher sein.

 

Neu in dieser „kritischen“ Auseinandersetzung mit dem Thema Motorrad ist jetzt auch noch ein Abgasskandal, den ein namhaftes Recherchenetzwerk, zu dem unter anderem auch das ZDF und der Spiegel gehören, aufgedeckt haben will. Es geht dabei um Hard-Enduros, bei denen von Kunden und Händlern die straßenzulassungsrelevanten Teile abgebaut würden, um damit nicht – wie eigentlich vorgesehen und von Sportreglements festgehalten – Endurowettbewerbe zu bestreiten, sondern tatsächlich überwiegend auf öffentlichen Straßen zu fahren. Das Entfernen der Lambda-Sonde und des Katalysators sind nur eine Maßnahme, die bei der Umrüstung von homologationskonformen Fahrzeugen auf solch ein Motorrad durchgeführt und folglich auch ein entsprechend höherer Schadstoffausstoß erreicht wird.

 

Wir haben uns die dem IVM exklusiv vom KBA vorliegenden Zahlen einmal genau angesehen. Über alle Marken geht es für das Jahr 2025 um etwa 1200 Fahrzeuge, die dem Segment Hard-Enduro zugerechnet werden können. Im Gesamtsegment Enduro/Supermoto machen sie knapp 30 Prozent aus, was bei allen Zulassungen 2025 über 125 Kubik etwa 1,3 Prozent des Gesamtmarktes bedeuten. Sie ahnen, welch großer Abgasskandal hier wirklich droht. Vor allem, wenn man von den 1200 Einheiten noch die Fahrzeuge abzieht, die tatsächlich im Enduro-Sport landen und endsprechend aller Regelungen nur bei Wettbewerben und Trainings betrieben werden. Das dürfte der größte Teil sein, denn diese extrem wartungsintensiven, hoch spezialisierten Motorräder mit Supermotoreifen für die Straße überhaupt fahrbar machen, werden die wenigsten. Auch wenn diese winzige Klientel mit wilden Videos auf You Tube dem angesprochenen Recherchenetzwerk die für den vermeintlichen Skandal so sachdienlichen Clips liefern.

 

Die Investigativjournalisten machen den Hersteller KTM als den großen Platzhirsch in diesem Nischensegment pauschal für diverse Rechtsverstöße verantwortlich und unterstellen – in meinen Augen ein kapitaler journalistischer Faux pas – Vorsatz, wie er im „Dieselskandal“ einigen Pkw-Herstellern tatsächlich nachgewiesen werden konnte. Diese erhobenen Vorwürfe verwundern bei durch sorgfältige Recherche erzielbarer Sachkenntnis jedoch gewaltig. Denn das ZDF-Fernsehmagazin Frontal oder der Spiegel würden doch sicher nicht auf die Idee kommen, einen entsprechend von Tuning-Freunden in die Illegalität manipulierten, folglich gegen die StVZO verstoßenden, dennoch mit Nummernschild zugelassenen und auf der Straße bewegten Golf dem VW-Konzern direkt anzulasten.

 

Nun ist der Druck im Medienbereich bezüglich verkaufter Auflagen, Reichweiten und Einschaltquoten heutzutage überall enorm hoch – ich kenne das aus meiner früheren Tätigkeit als Chefredakteur von MOTORRAD nur allzu gut. Kann es da nicht sein, dass trotz unbestritten großer journalistischer Verdienste, entsprechendem Ruf und gegen das oft angeführte Ethos von ZDF und Spiegel dann doch besonders knallig getitelt, aber am eigentlichen Thema vorbei berichtet wird? Wer Skandale im Programm hat, die sich dazu noch im Erlebnisbereich von unpopulären Bevölkerungsgruppen abspielen, hat die volle Aufmerksamkeit der Masse auf seiner Seite. Als ehemaligem Journalisten tut mir diese Art der Berichterstattung in der Seele weh.

 

Die größte Fehlannahme der Medien beim immer wiederkehrenden „Motorrad-Bashing“ mit dem Grundtenor „so sind die alle“ liegt für mich jedoch darin, dass diese Bevölkerungsgruppe bei weitem nicht so klein und die Bedeutung des Industriezweiges nicht so gering ist, wie das in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Mit über fünf Millionen zugelassenen Motorrädern, über zehn Millionen Motorradführerscheinbesitzenden, einem jährlichen Umsatz der Branche von über zehn Milliarden Euro und mehr als 150.000 Menschen, die rund ums Thema Motorrad ihren Lebensunterhalt bestreiten und ihre Steuern bezahlen, besitzen wir eine relevante Größe, die manch strauchelnder demokratischer Partei gut zu Gesicht stünde.

 

Der ganze Vorgang um diesen vermeintlichen Abgasskandal unterstreicht eines sehr deutlich: Es ist dringend geboten, sich als Motorrad-Industrie noch entschlossener zu zeigen und zusammenzuschließen, einzumischen, aufzuklären, sachlich mit den Medien und der Politik zu diskutieren und so mit Nachdruck dafür zu sorgen, dass Pauschalverurteilungen wie Argwohn gegen das motorisierte Zweirad in Deutschland endlich aufhören. Wir haben neben einer relevanten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Größe nämlich obendrein auch noch die nötige Innovationskraft und konkrete Angebote die Zukunft unserer Gesellschaft tatkräftig und lösungsorientiert mitzugestalten. Das muss im Interesse aller sein – auch dem der gesellschaftlichen Gestalter, den Parlamenten, und den kritischen Beobachtern, den Medien.